Mit Migräne geht man zum Hausarzt oder Neurologen. Sind die Zähne krank, ist der Zahnarzt zuständig – so weit, so logisch. Dass beides etwas miteinander zu tun haben könnte, ist Betroffenen (und selbst Ihren Ärzten) oft nicht bewusst. Viele haben einen langen Leidensweg hinter sich, weil die wahre Ursache ihrer Beschwerden unentdeckt bleibt. Lesen Sie hier, warum bei Migräne manchmal der Zahnarzt der richtige Ansprechpartner ist.

Migräne – was ist das?

Migräne ist nicht einfach nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um ein komplexes Krankheitsbild, für das die folgenden Symptome typisch sind:

  • anfallsartige, ein- oder zweiseitige Kopfschmerzen
  • Übelkeit, manchmal in Verbindung mit Erbrechen oder Durchfall
  • Licht- und Lärmempfindlichkeit
  • verändertes Sehen, z.B. Lichtblitze, verschwommene Sicht, Augenflimmern
  • Schwindel
  • Benommenheit oder Verwirrtheit

Die Symptome können Betroffene massiv in ihrem Alltag beeinträchtigen. Häufig dauern die Attacken über Stunden an und konventionelle Schmerzmittel helfen mehr schlecht als recht.

Über die genauen Ursachen der Migräne ist sich auch die Wissenschaft nicht völlig im Klaren. Vermutet wird, dass ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn dahintersteckt, eventuell in Verbindung mit Durchblutungsstörungen. Auch genetische Ursachen dürften eine Rolle spielen, denn in vielen Familien tritt Migräne gehäuft auf.

Zähne und Kopfschmerz: Ein „naheliegendes“ Verhältnis

Erst in jüngerer Zeit beginnen sich Ärzte mit dem Zusammenhang zwischen Kopfschmerz, Kiefer und Zähnen zu beschäftigen. Unser Kauapparat ist ein äußerst komplexes System: Zähne, Zahnfleisch, Kieferknochen, Kiefergelenk, Muskeln und Nervenbahnen müssen perfekt zusammenarbeiten, um uns das Beißen, Kauen, Schlucken und Sprechen zu ermöglichen. Treten in diesem System Störungen auf, dann hat das oft auch Auswirkungen auf die umliegenden Strukturen wie Kopf, Nacken, Ohren und Rücken.

Krankheitsbild craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)

Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang oft von einer craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD. Unter diesem Begriff fasst man verschiedene Arten von Funktionsstörungen zusammen, die Zähne, Kiefergelenke oder Kaumuskulatur betreffen.

Eine CMD kann sehr unterschiedliche Gesichter haben und ist daher oft schwer zu diagnostizieren: Manche Betroffene leiden unter lokalen Schmerzen im Bereich des Kiefers, bei anderen strahlen die Schmerzen in Kopf, Nacken, Rücken, Augen oder Ohren aus. Typisch sind weiters Probleme beim Kauen oder knackende Geräusche im Bereich des Kiefers. Auch Schwindel und Ohrgeräusche (Tinnitus) werden häufig mit der CMD in Verbindung gebracht.

Zähne und Migräne: Was die Wissenschaft darüber weiß

Der Zusammenhang zwischen Kopfschmerz und CMD ist wissenschaftlich gut belegt: Einer Erhebung zufolge leiden 27,4 Prozent der CMD-Patienten, aber nur 15,2 Prozent der Gesamtbevölkerung unter chronischem Kopfschmerz.

Über die Häufigkeit von Migräne bei CMD-Patienten gibt es leider kaum systematische wissenschaftliche Daten. Die Erfahrungen von Praktikern lassen aber vermuten, dass eine CMD Migräne-Attacken begünstigen oder auslösen kann, wenn ein Patient zu Migräne neigt. Bei vielen Betroffenen reduziert sich die Häufigkeit ihrer Attacken deutlich, wenn Kiefer-Fehlstellungen korrigiert oder schlecht sitzende Kronen und Brücken ausgetauscht werden.

Das Problem ist: Die Symptome einer CMD sind recht unspezifisch und können auch ganz andere Ursachen haben. Häufig bleibt die Kiefer-Dysfunktion daher über lange Zeit unentdeckt. Viele Betroffene erhalten von ihrem Arzt Schmerzmittel und andere Medikamente oder werden aufgrund ihrer Muskelverspannungen zur Massage geschickt. Das verschafft zwar kurzfristig Linderung, löst das Problem aber nicht an der Wurzel.

CMD: Diese Ursachen stecken dahinter

Doch wie kommt es eigentlich zu einer Fehlfunktion des Kauapparats? Meistens sind die Ursachen in einem dieser drei Bereiche zu finden:

  • Zähne und Kiefer
  • Muskulatur, Nerven oder Gelenke
  • psychosoziale Faktoren, z.B. privater oder beruflicher Stress
  • Es ist also gar nicht so selten, dass in Wahrheit der Zahnarzt der richtige Ansprechpartner ist, wenn Patienten unter unerklärlichen Migräne-Attacken, Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen leiden! Es gibt mehrere zahnmedizinische Befunde, die als mögliche Ursachen in Frage kommen:

Angeborene oder erworbene Zahn- und Kieferfehlstellungen: Passen Ober- und Unterkiefer nicht optimal zusammen, dann verteilen sich die Kaukräfte ungünstig. Betroffene versuchen oft unbewusst, die „Schieflage“ zu kompensieren, was ein physiologisch ungünstiges Beiß- und Kauverhalten zur Folge hat. Mit der Zeit kann es zu Muskelverspannungen und Kiefergelenksschmerzen kommen.

Nicht korrekt angepasster Zahnersatz: Werden Kronen, Brücken, Füllungen oder Implantate nicht optimal eingepasst, dann entsteht ebenfalls eine ungünstige Bisslage. Bereits eine Abweichung von weniger als einem Millimeter reicht aus, um das sensible Kausystem aus dem Gleichgewicht zu bringen! Bei der Anpassung von Zahnersatz braucht es daher viel Know-how und Fingerspitzengefühl, um Folgeprobleme zu vermeiden.

Zahnlücken: Fehlende Zähne führen häufig zu einer Fehlbelastung der umliegenden Zahnreihen. Manchmal beginnen die Zähne zu wandern, wodurch Ober- und Unterkiefer nicht mehr exakt zusammenpassen. Zahnlücken sollten daher immer durch einen gut angepassten Zahnersatz geschlossen werden.

Zähneknirschen: Menschen, die stressbedingt nachts mit den Zähnen knirschen, setzen ihr Gebiss immensen Belastungen aus. Die dabei frei werdenden Kräfte sind wesentlich stärker als die beim „normalen“ Kauen! Schon das Malmen an sich kann zu Muskelverspannungen führen. Mit der Zeit trägt meist auch die Zahnsubstanz Schäden davon. Oft werden die Kauflächen regelrecht abgeschliffen, wodurch die Zähne nicht mehr optimal zusammenpassen und der normale Kauvorgang gestört wird.

Zähne und Migräne: Ganzheitlicher Ansatz ist erforderlich

Um CMD-Betroffenen wirklich zu helfen, ist es wichtig, dass der Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden erkannt und die Symptome nicht isoliert behandelt werden. Oft ist es nötig, mehrere Spezialisten wie Zahnarzt, Neurologe und HNO-Arzt in die Behandlung mit einzubinden. Auch Physiotherapie kann hilfreich sein, um chronische Verspannungen der Muskulatur zu lösen und ungünstige Bewegungsabläufe zu korrigieren.

Ob zahnmedizinische Probleme als mögliche Ursachen einer CMD in Frage kommen, kann der Zahnarzt mithilfe spezieller Verfahren wie Funktionsanalysen überprüfen. Werden die zugrunde liegenden Probleme erfolgreich behandelt, nimmt die Häufigkeit von Kopfschmerz- oder Migräne-Attacken oft deutlich ab.

Die Therapiemaßnahmen orientieren sich immer an der genauen Ursache. Zahn- und Kieferfehlstellungen lassen sich selbst im Erwachsenenalter noch gut behandeln! Weiters setzt man bei CMD-Patienten häufig Aufbissschienen ein, die individuell für den Patienten angefertigt werden. Damit kann man beispielsweise einen zu niedrigen Biss aufgrund von Abnutzungen der Zahnsubstanz ausgleichen. Bei Patienten, die mit den Zähnen knirschen, können spezielle Schienen die Kaukräfte abpuffern und so weiteren Schäden an der Zahnsubstanz vorbeugen. Wichtig ist, dass zugleich auch an den Ursachen des Zähneknirschens gearbeitet wird.

Sprechen Sie Ihren Zahnarzt darauf an, falls Sie unter Migräne, wiederkehrenden Kopf- und Rückenschmerzen oder anderen unklaren Beschwerden im Kopfbereich leiden! Er sollte unbedingt abklären, ob funktionelle Störungen des Kauorgans als mögliche Gründe dafür in Frage kommen.

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