Kiefer unter Druck: Was gegen nächtliches Zähneknirschen wirklich hilft

Es passiert meist völlig unbewusst: Fast jeder fünfte Deutsche malmt nachts mit den Zähnen, was auf Dauer schwere Schäden hervorrufen kann. Die häufigste Ursache ist Stress. Wie Sie herausfinden, ob auch Sie von Zähneknirschen betroffen sind, und was Sie tun können, um Druck von den Zähnen und aus Ihrem Leben zu nehmen.

Zähneknirschen: Weit verbreitet, weitreichende Folgen

Die wichtigste Aufgabe unserer Kaumuskulatur ist es, Nahrung zu zerkleinern. Doch viele Menschen pressen, drücken oder reiben auch nachts im Schlaf völlig unbewusst mit den Zähnen. Mediziner nennen das Phänomen „Bruxismus“. Man schätzt, dass jeder Fünfte zumindest zeitweilig davon betroffen ist – junge Menschen häufiger als ältere.

Oft ist es der Lebenspartner, der die nächtlichen Kaugeräusche als erster bemerkt. Für die Betroffenen selbst ist es oft völlig unerklärlich, warum sie morgens mit Kopfschmerzen oder einer verspannten Kiefer- und Nackenmuskulatur aufwachen. Bleibt das Problem lange unerkannt, können die Zähne schwere Schäden davontragen. Denn beim nächtlichen Malmen wirken nicht selten Kräfte von bis zu 80 Kilogramm auf einen einzelnen Zahn ein!

Woran der Zahnarzt Bruxismus erkennt

Dieser immensen Belastung hält kein Gebiss auf Dauer stand. Es gibt einige typische Anzeichen, die dem Zahnarzt einen Hinweis auf nächtliches Zähneknirschen liefern:

Typisch ist auch, dass Betroffene über schmerzempfindliche Zähne klagen. Denn durch das Zähneknirschen wird der Zahnschmelz nach und nach abgeschliffen und das empfindliche Zahnbein kommt frei zu liegen. Umweltreize wie heiße, kalte, süße oder saure Speisen können dann heftige Schmerzen verursachen. Darüber hinaus kann Zahnersatz wie Implantate, Kronen und Brücken durch Zähneknirschen Schaden nehmen oder locker werden.

Doch die Folgen des Zähneknirschens beschränken sich nicht auf das Gebiss. Wird die Kaumuskulatur chronisch überansprucht, können auch folgende Beschwerden auftreten:

  • Kiefer- oder Kopfschmerzen
  • Verspannungen der Nacken-, Hals- und Schultermuskulatur
  • Ohrenschmerzen oder Tinnitus (Ohrgeräusche)
  • Migräne-Attacken
  • Schwindel

Typisch ist, dass sich die Kiefermuskulatur morgens verspannt, verhärtet oder übermüdet anfühlt. Doch nicht alle Betroffenen bemerken unmittelbare Folgen des nächtlichen Knirschens.

Zähneknirschen ist meist Stress-Symptom

Früher nahmen Ärzte an, dass hinter Zähneknirschen organische Ursachen stecken, etwa eine Fehlstellung der Zähne. Der Körper würde auf diese Weise versuchen, die nicht zueinander passenden Kauflächen abzuschleifen.

Heute weiß man, dass in aller Regel Stress die Ursache ist. Manche Menschen entwickeln bei psychischen Belastungen Magengeschwüre, einige bekommen einen Hautausschlag, und bei wieder anderen sucht sich der Stress durch nächtliches Zähneknirschen ein Ventil. Langfristig lässt sich dem Problem daher nur durch Stressreduktion beikommen.

Zahnschiene als Schutz für gestresste Zähne

Doch um irreparable Schäden an den Zähnen und andere Folgebeschwerden zu vermeiden, muss man auch beim Symptom selbst ansetzen. Als Mittel der Wahl gelten sogenannte Anti-Knirscherschienen oder Aufbissschienen. Diese Schienen werden aus hartem oder weichem Kunststoff gefertigt und an das Gebiss des Patienten angepasst. Die Kosten trägt die gesetzliche Krankenversicherung.

Aufbissschienen nehmen den unmittelbaren Druck vom Zahnschmelz und schützen so die Zähne vor weiteren Schäden. Bei vielen Patienten reduzieren sie auch die Muskelaktivität selbst, das Zähneknirschen wird also weniger. Studien zufolge ist es optimal, die Schiene mit Unterbrechungen zu tragen – sonst pressen viele Betroffene mit der Zeit wieder stärker.

Vibration und Botox gegen überaktive Muskeln

In den letzten Jahren wurden neuartige Schienen entwickelt, die noch zielgerichteter gegen die Muskelaktivität vorgehen sollen. Eingebaute Sensoren in der Aufbissschiene messen die Kaubewegungen und zeichnen sie auf. Beginnt der Patient zu pressen oder zu knirschen, dann werden feine Vibrationen ausgelöst. Diese entspannen die Muskulatur, ohne dass der Betroffene aus dem Schlaf erwacht. Die Vibrationsschiene scheint bei vielen Patienten gute Wirkungen zu erzielen. Nicht nur die Kaubewegungen selbst werden reduziert, auch Folgebeschwerden wie Muskelverspannungen und Schmerzen lassen nach.

In hartnäckigen Fällen kann man die überaktive Kaumuskulatur auch mit Botulinumtoxin (Botox) ruhig stellen. Dabei handelt es sich um ein Nervengift, das in der Schönheitsmedizin zur Bekämpfung von Falten eingesetzt wird. Die Wirkung lässt nach einigen Monaten allerdings wieder nach und man muss die Substanz erneut spritzen.

Nur Stressreduktion hilft langfristig gegen Zähneknirschen

Doch ob Schienen oder Botox – keine dieser Methoden bekämpft wirklich die Ursache des Zähneknirschens, nämlich den Stress. Hört man mit der Behandlung auf, dann fallen viele Betroffene wieder in ihre alten Muster zurück. Langfristig ist es daher wichtig, Druck aus dem Leben zu nehmen und Belastungen zu reduzieren. Was oft einfacher gesagt als getan ist!

Gute Erfahrungen haben viele Patienten mit folgenden Maßnahmen gemacht:

Entspannungstraining: Methoden wie Yoga, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder QiGong können helfen, das chronisch hohe Erregungsniveau zu senken und so die Muskelaktivität zu reduzieren. Das Training wirkt oft nicht sofort, man sollte daher einige Zeit durchhalten. Grundsätzlich kann aber jeder lernen, sich zu entspannen.

Sport: Leidet man unter chronischem Stress, dann ist der Körper mit Stresshormonen wie Dopamin, Adrenalin oder Kortisol überschwemmt. Diese Hormone sollen uns in Gefahrensituationen eigentlich auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Weil das bei Stress im Büro aber keine adäquate Reaktion ist, werden die Hormone nicht abgebaut und sorgen für eine Dauer-Erregung, die auch das Zähneknirschen begünstigt. Bewegung kann helfen, den Hormonpegel auf natürliche Weise wieder ins Gleichgewicht zu bringen und so den Stress auf körperlicher Ebene zu bewältigen.

Bio-Feedback: Bei diesem Verfahren setzt man elektronische Sensoren ein, welche die Muskelaktivität messen und dem Betroffenen über optische oder akustische Signale unmittelbare Rückmeldungen geben. So kann man lernen, unbewusst ablaufende Prozesse wie das Zähneknirschen willentlich zu kontrollieren und zu steuern.

Psychotherapie: Stress ist oft „hausgemacht“ – wir laden uns zu viel an Belastungen auf oder gehen auf ungünstige Weise damit um. Psychotherapie kann helfen, sich dieser Verhaltensmuster bewusst zu werden und neue Strategien zum besseren Umgang mit Stress zu entwickeln.

Verzicht auf Genussmittel: Hilfreich ist es auch, auf Genussmittel wie Koffein, Nikotin und Alkohol zu verzichten oder den Konsum zumindest zu reduzieren. Denn sie verschaffen zwar kurzfristig Erleichterung, langfristig verstärken sie den Stress und das Zähneknirschen eher.
Wenden Sie sich unbedingt frühzeitig an Ihren Zahnarzt, wenn Sie den Verdacht haben, dass auch Sie betroffen sind. Denn es ist wichtig, den Kreislauf aus Anspannung, Zähneknirschen und Folgeschäden möglichst rasch zu unterbrechen!

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